Aufruf zum Mord beim Chiemsee-Festival?

„Aufruf zum Mord beim Chiemsee-Festival?“ so titelte die Abendzeitung und zitiert den auf den Reggae Festival auftretenden Sizzla mit den Worten

„Verbrennt die Männer, die andere Männer von hinten reiten“ – „Ich ziehe los und erschieße Schwule mit meiner Waffe“

Der Auftritt von offen homophoben Künstlern auf dem Festival in Übersee hat schon eine traurige Tradition: 2008 und 2000 Beeny Man (I‘m dreaming of a new Jamaica, come to execute all the gays“), 2007 Capleton („Fire bun batty bwoy!“ „Das Feuer möge den Schwulen verbrennen!“)², 2000 und 2004 Buju Banton, der im Juli 2004 auf Jamaika an einem schwulenfeindlichen Übergriff persönlich beteiligt war³ und 2009 t.o.k. („from dem a par inna chi chi man car Blaze di fire mek we bun dem!!!! [Bun dem!!!!] From dem a drink inna chi chi man bar Blaze di fire mek we dun dem!!!! (Dun dem!!!!)“ „Sollten sie zusammen in einem Schwulen-Auto sitzen, Entfesselt das Feuer, lasst sie uns verbrennen! [verbrennt sie!] Sollten sie zusammen in einer Schwulen Bar trinken Entfesselt das Feuer – lasst sie uns fertig machen! [fertig machen]“)

Aufgrund von Vergewaltigungen auf dem CRS und dem Auftritt von t.o.k. forderten bereits im letzten Jahr linke Gruppen in einem offenen Brief die Ausladung der Band T.O.K., Zukünftig kein Auftritte von homophoben Künstler_innen mehr zu ermöglichen, Eine intensive Auseinandersetzung mit Homophobie im Reggae anzuregen und ein Präventions- und Notfallkonzept gegen sexualisierte Gewalt.

“Offene Briefe”, Appelle an die Veranstalter_innen und Pressemitteilungen zeigten jedoch offenbar keine Wirkung im Gegenteil, die Veranstalter_innen buchten Sizzla und kommentieren die Bekanntgabe wie folgt:

„Wir sind für Kunstfreiheit, wir sind für Meinungsfreiheit, den Respekt vor anderen Kulturkreisen und wir sind gegen verfassungswidrige Zensurbestrebungen[…]“.

Diese Aussage zeugt entweder von krasser politischer Dummheit und der Ignoranz gegenüber menschenverachtendem Hass oder versucht bewusst Homophobie durch den Deckmantel einer falsch verstandenen Meinungsfreiheit zu schützen. Inzwischen kritisieren viele Organisationen das Chiemsee Reggae Festival. So kommentierte der freie zusammenschluss von studentInnenschaften den Auftritt Sizzlas ebenso abwertend wie die Rosa Liste München. Aus dem Bundestag liesen bspw. die Fraktion der Grünen und die Abgeordnete Bärbel Kofler (SPD) von sich hören. Die Queer Gruppe der Deutschen Kommunistischen Partei “DKP queer” initiierte eine Online-Petition. Sogar der Kreis Katholiken Rat Rosenheim hat angemerkt, dass “das Aufrufen zum Erschießen und Verbrennen von Homosexuellen keine Meinung und keine Kunst, sondern Volksverhetzung” ist. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in Bayern kündigt an, wieder ein Einreiseverbot gegen Sizzla in den EU-Schengenraum erwirken zu wollen. Die Beschneidungen der Freizügigkeit dienen zu allererst der rassistischen Abschottung der Festung Europa wird jedoch von vielen Gruppe als ein unangebrachtes Mittel im Kampf für emanzipatorische Zielsetzungen gesehen. Neben einer facebook Gruppe (mit 1600 Mitgliedern) gilt das RABATZ-Bündnis als eine der aktivsten Kritikergruppen. Neben einem Flugblatt “Murder Inna Dancehall” gibt es u.a. eine Vortragsreihe. Doch damit nicht genug, es sollen bereits mehrere Protestversammlungen für das Wochenende vom 27. bis 29.August in Übersee angemeldet sein.

„Dort möchten wir mit Infoständen und einer Kundgebung präsent sein. Denn die Reggae Szene soll sich aktiv mit der Thematik beschäftigen – und wir gehen davon aus, dass der überwiegende Teil dazu auch in der Lage ist.“

heißt es auf der RABATZ homepage.

Der nächste Termin ist aber der Sonntag, 15.08.10 um 19:00 Uhr findet in der Rosenheimer Vetternwirtschaft (Oberaustr.2) eine Infoveranstaltung “Murder Inna Dancehall” zu der Thematik “Homophobie und Sexismus in der Reggae-Szene” statt. Gemäß dem Motto “love reggae – hate homophobia” soll nicht die gesamte Reggae-Szene pauschal diskreditiert oder Reggae und Dancehall als Hass-Musik dargestellt werden, jedoch soll die Hetze von einigen Interpreten gegen Homosexuelle offen angesprochen und kritisiert werden. Bei dem Vortrag werden die verschiedenen Facetten der aktuellen Debatte über Auftrittsverbote und die Verhinderung von Konzerten homophober Künstler_innen beleuchtet. Dabei wollen die Referenten auch die oft rassistisch aufgeladenen Argumentationsmuster in dieser Debatte in den Blick nehmen und kritisieren. Desweiteren soll über die geplanten Proteste gegen Homophobie und Sexismus auf dem Chiemsee Reggae Summer diskutiert werden.
Die Veranstaltung “Murder Inna Dancehall” ist eine Veranstaltung der infogruppe rosenheim und queeRo in Kooperation mit der Petra-Kelly-Stiftung, der Eintritt ist frei.